Central Chapelle
Es gibt Orte in Paris, die lange niemand wirklich geliebt hat.
Porte de la Chapelle war für viele genau so ein Ort.
Jahrelang hatte das Viertel einen schwierigen Ruf. Laut, hektisch, manchmal düster. Ein Ort, durch den man eher hindurchging, als dort zu bleiben. Und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass dieser Teil des 18. Arrondissements mehr verdient hat als all die Vorurteile, die über ihn erzählt wurden. Heute fühlt sich plötzlich etwas anders an.
Mitten zwischen neuen Gebäuden, der Adidas Arena und den breiten Boulevards ist mit Central Chapelle ein Ort entstanden, der sich nicht einfach nur „neu“ anfühlt. Sondern wie ein neues Kapitel für das Viertel.
Das Besondere daran ist, dass all das eng mit den Olympischen Spielen 2024 verbunden ist. Während viele Wettkämpfe bewusst mitten in Paris stattfanden — zwischen Seine, Grand Palais und Eiffelturm — wurde hier tatsächlich eine der wenigen neuen olympischen Arenen gebaut: die Adidas Arena an der Porte de la Chapelle. Und genau dort saß ich während Olympia selbst im Publikum.
Ich bin in Leipzig auf die Kinder- und Jugendsportschule gegangen und habe viele Jahre Rhythmische Sportgymnastik gemacht. Deshalb war es für mich ein unglaublich emotionaler Moment, olympische Wettkämpfe in genau dieser Sportart in meinem eigenen Viertel zu erleben. Die Rhythmische Sportgymnastik hat mich geprägt. Und plötzlich saß ich nur wenige Minuten von meinem Zuhause entfernt in der Adidas Arena und sah die Olympischen Spiele. Ich habe dabei tatsächlich ein paar Tränen vergossen.
Vielleicht auch deshalb, weil Olympia hier nicht nur Sport hinterlassen hat. Sondern das Gefühl, dass sich ein Viertel verändern kann. Neben der Arena entstanden neue Universitätsgebäude, öffentliche Plätze und Treffpunkte wie Central Chapelle. Tagsüber sitzen Studenten auf den Terrassen, Menschen arbeiten an ihren Laptops, Familien trinken Kaffee, abends wird gegessen, getanzt und Musik gespielt.
Besonders berührt hat mich auch der Boulevard Richtung Arena. Dort stehen heute die Figuren der bedeutenden Frauen, die Teil der olympischen Eröffnungsfeier waren — Simone Veil, Olympe de Gouges, Gisèle Halimi und andere starke Frauenfiguren.
Und genau das fühlt sich irgendwie symbolisch an.
Wo früher viele nur Beton und Verkehr gesehen haben, entsteht heute langsam ein Ort mit Kultur, Begegnung und neuem Leben.
Nach Olympia blieb hier nicht nur eine Arena zurück, sondern das Gefühl, dass dieses Viertel plötzlich wieder Zukunft hat.
Und vielleicht ist genau das das Schönste an Paris:
Die Stadt hört niemals auf, sich neu zu erfinden.
Porte de la Chapelle erlebt gerade vielleicht sein schönstes neues Kapitel.
Central Chapelle - 4 Esp. Alice Milliat, 75018 Paris