Die zehn Frauen der Olympischen Spiele 2024
Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an diesen besonderen Moment der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Diese außergewöhnliche Inszenierung entlang der Seine, die Paris selbst zur Bühne gemacht hat.
Eine Feier zwischen Geschichte, Kunst, Musik und Symbolik – mitten in der Stadt, vor den Augen der Welt. Und dann tauchten sie auf: zehn goldene Frauenfiguren, die aus dem Wasser der Seine ragten. Ein Bild, das weltweit zu sehen war.
Diese Frauen standen für Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.
Unter ihnen waren Olympe de Gouges, eine frühe Stimme für Frauenrechte während der Französischen Revolution, Simone Veil, die maßgeblich für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Frankreich kämpfte, Simone de Beauvoir, eine der bedeutendsten feministischen Intellektuellen, Alice Guy, eine Wegbereiterin des Films, Jeanne Barret, die erste Frau, die die Welt umsegelte, sowie Alice Milliat, die sich dafür einsetzte, dass Frauen an internationalen Sportwettkämpfen teilnehmen konnten.
Auch die Geschichten von Gisèle Halimi, Louise Michel, Paulette Nardal und Christine de Pizan gehören zu dieser Sammlung – Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise für Freiheit, Wissen, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Veränderung standen.
Seit Sommer 2025 haben diese rund vier Meter hohen vergoldeten Statuen einen dauerhaften Platz in Paris gefunden: an der Rue de la Chapelle, auf der neu gestalteten Promenade zwischen Boulevard de la Chapelle und Porte de la Chapelle im 18. Arrondissement, in der Nähe der Adidas Arena.
Für mich liegt darin eine besondere Kraft dieser Installation: Sie macht neugierig. Sie lädt dazu ein, Fragen zu stellen und Geschichten neu zu entdecken. Was mich an diesen Frauen aber besonders beschäftigt, ist nicht nur, wofür sie stehen.
Es ist der Ort, an dem sie heute stehen.
Die Porte de la Chapelle erzählt eine andere Geschichte als die Bilder von Paris, die viele Menschen kennen.
Dieser Teil der Stadt wurde über Jahrzehnte häufig über seine Herausforderungen beschrieben. In den Medien ging es oft um soziale Probleme, Infrastruktur oder politische Debatten.
Nicht selten wurde dieses Viertel auch für politische Erzählungen genutzt – als Symbol für eine angeblich gescheiterte Stadtentwicklung oder als Beispiel dafür, wie Migration pauschal als Problem dargestellt werden kann.
Diese Vereinfachung wird den Menschen, die hier leben, nicht gerecht.
Ein Stadtteil besteht nicht aus Schlagzeilen. Er besteht aus Nachbarschaften, Familien, Geschichten, Hoffnungen und Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen. Der Norden von Paris war lange eher ein Ort, über den gesprochen wurde, als ein Ort, dessen eigene Geschichten erzählt wurden.
Genau deshalb berührt mich diese Verbindung zwischen den Frauen und diesem Stadtteil.
Denn diese Frauen, die während der Olympischen Eröffnungsfeier mitten aus der Seine auftauchten, stehen heute nicht an einem Ort, an dem Paris sich selbst feiert. Sie stehen an einem Ort, der selbst lange um Anerkennung und Sichtbarkeit kämpfen musste.
Paris hat diese Frauen nicht dorthin gestellt, wo sie am schönsten aussehen würden.
Paris hat sie dorthin gestellt, wo sie vielleicht am meisten gebraucht werden.
Natürlich ist mir bewusst, dass Kunst allein keine sozialen Realitäten verändert. Eine Statue baut keine Wohnungen, schafft keine Arbeitsplätze und löst keine Ungleichheiten. Aber ich glaube trotzdem, dass Symbole nicht bedeutungslos sind.
Erinnerungen im öffentlichen Raum funktionieren vielleicht genau dann am besten, wenn sie nicht nur Antworten liefern, sondern neue Fragen entstehen lassen.
„Wer war diese Frau?“
Eine solche Frage kann der Anfang von Neugier sein. Und Neugier kann den Blick auf die eigene Stadt verändern. Denn diese Frauen erzählen nicht nur von der Vergangenheit. Sie erzählen davon, Grenzen zu verschieben, Räume einzunehmen und Wege zu öffnen, die andere nach ihnen gehen können.
Vielleicht ist genau das die besondere Verbindung zwischen diesen Frauen und der Porte de la Chapelle: Beide erzählen Geschichten von Sichtbarkeit. Von Menschen und Orten, die lange nicht im Mittelpunkt standen.
Und davon, dass Paris nicht nur aus seinen berühmten Boulevards und Monumenten besteht.